Dienstag, 28 Feb 2017

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Kirchstetten - Brief an den Bürgermeister

Die Künstlerin Marika Schmiedt wollte in Kirchstetten (NÖ) mit einer temporären Kunstinstallation auf das Schicksal der von dort deportierten und ermordeten Roma und Sinti hinwiesen. Der Bürgermeister Paul Horsak verweigerte ihr jedoch die Genehmigung. Mehr dazu finden Sie hier

Romano Centro verfasste einen Protestbrief an den Bürgermeister.

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

aus den Medien haben wir erfahren, dass Sie der Künstlerin Marika Schmiedt die Verwirklichung einer temporären Installation in Ihrer Gemeinde zur Erinnerung an die aus Kirchstetten in Konzentrationslager verschleppten und ermordeten Roma und Sinti verwehrt haben. Ihren diesbezüglichen Brief konnten wir auf der Website von Marika Schmiedt lesen.
Wir sind entsetzt über die Begründung Ihrer Absage.
Wie Sie richtig anführen, geht es darum, zu verhindern, dass Verbrechen, wie sie während der Nazi-Herrschaft an Roma und Sinti und anderen als fremd oder minderwertig bezeichneten Menschen begangen wurden, sich nie mehr wiederholen. Darum ist es wichtig, die Vergangenheit eben nicht ruhen zu lassen, wie Sie es im Namen Ihrer GemeindebürgerInnen glauben, verlangen zu müssen. Es besteht ein evidenter Zusammenhang zwischen der jahrzehntelangen Verdrängung und Verleugnung des rassistischen Genozids an den Roma und Sinti und aktuellem Antiziganismus. Auch 70 Jahre danach wissen viele Menschen in Österreich – und vermutlich auch in Kirchstetten – nichts oder sehr wenig über das, was den Angehörigen dieser Volksgruppe im Nationalsozialismus angetan wurde. Wir erleben ein wachsendes Interesse an der Geschichte der Roma, vor allem bei den jüngeren Generationen und können von daher Ihre Aussage, dass „die heutigen Generationen“ der Ansicht seien, die Vergangenheit solle ruhen, in keinster Weise nachvollziehen. Gerade junge Menschen melden sich häufig bei uns und suchen Wege, sich mit dem Völkermord aber auch mit heutigem Antiziganismus auseinanderzusetzen.
Für die Überlebenden und deren Nachkommen ist es nicht möglich, einen „Schlussstrich“ zu ziehen.

Die Leiden, die ihnen zugefügt wurden, werden über Generationen weitergegeben und manifestieren sich häufig in  psychischen und physischen Erkrankungen. Jede Forderung nach einem „Schlussstrich“ (die häufig erfolgt, bevor es auch nur einen Anfang der Auseinandersetzung gegeben hat) fügt weiteren Schmerz hinzu.
Erst heuer im April hat das Europäische Parlament den Völkermord an den Roma und Sinti offiziell anerkannt und beschlossen, dass der 2. August der Gedenktag für den Völkermord an den Roma sein soll. Im Gedenken an die sogenannte „Zigeunernacht“ vom 2. auf den 3. August 1944, als in Auschwitz-Birkenau nahezu 3000 Roma und Sinti ermordet wurden. Die Mitgliedstaaten wurden aufgefordert, den Völkermord offiziell anzuerkennen und die Diskriminierung von Roma und Sinti zu beenden. Eine von vielen Möglichkeiten des Gedenkens wäre die Unterstützung Frau Schmiedts und ihres Kunstprojektes gewesen, eine sehr gute sogar, hat sie doch einen Teil der Geschichte der Kirchstettner Roma und Sinti – die auch ihre Familiengeschichte ist – schon recherchiert und aufgearbeitet. Andere Gemeinden kommen ihrer diesbezüglichen Verantwortung durch das Aufstellen von Gedenktafeln, -steinen oder Skulpturen nach (in jüngster Zeit etwa Buchkirchen in Oberösterreich oder Goberling im Burgenland). Gerade jetzt, da kaum mehr ZeitzeugInnen leben, sind wir alle aufgefordert, entsprechende Formen zu entwickeln, um das Wissen an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben.
Sie schreiben, dass alle gut miteinander ausgekommen seien in Kirchstetten, die Nicht-Roma und die Roma. Bis letztere in die Konzentrationslager verfrachtet wurden, muss man hinzufügen. Dies sei die Sichtweise von älteren GemeindebürgerInnen, wie Sie schreiben, Nicht-Roma, wie wir annehmen, damals noch Kinder, vermutlich. Die Sicht der Roma und Sinti, die damals in Kirchstetten lebten, Kirchstettner GemeindebürgerInnen waren, und denen das Leben auf grausamste Art genommen wurde, interessiert Sie offensichtlich nicht. Marika Schmiedt, die in jahrzehntelanger akribischer Arbeit die Geschichte (der Verfolgung) ihrer Familie zur Grundlage ihrer künstlerischen Auseinandersetzung gemacht hat, würde mit ihrer Installation auch diese Schieflage beleuchten. Das kann die Stimmen der ermordeten Kirchstettner Roma und Sinti nicht ersetzen, wäre aber eine adäquate Möglichkeit, auf deren Fehlen hinzuweisen.
Wir ersuchen Sie und den Gemeinderat eindringlich, das Projekt von Marika Schmiedt zu unterstützen und zu überlegen, wie den Roma und Sinti aus Kirchstetten dauerhaft gedacht werden kann.

Mit freundlichen Grüßen


Mag.a Žaklina Radosavljević, Obfrau
Mag. Peter Wagner, Schriftführer