Freitag, 14 Dez 2018
10 FRAGEN UND ANTWORTEN ZU ANTIZIGANISMUS

Antiziganismus ist ein Thema, das wenig gesellschaftliche oder mediale Aufmerksamkeit erfährt und zu dem es oft Fragen gibt. Romano Centro kennt viele dieser Fragen aus der Praxis von Workshops und Vorträgen. Wir versuchen hier, die wichtigsten zu beantworten.

Was genau meint „Antiziganismus“?

Antiziganismus bezeichnet – ähnlich wie der Begriff Antisemitismus – eine bestimmte Form des Rassismus, nämlich gegenüber Menschen, denen zugeschrieben wird, „Zigeuner“ zu sein oder sich „zigeunerisch“ zu verhalten. Der Begriff bezeichnet nicht nur tatsächliche Diskriminierungen oder Übergriffe, sondern zeigt die dahinterliegende Ideologie.


„Zigeuner“ darf man doch nicht mehr sagen. Wäre „Rassismus gegen Roma“ nicht der angebrachte Begriff?

Es gibt keinen perfekten Begriff um ein komplexes gesellschaftliches Phänomen zu beschreiben. „Zigeuner“ ist eine abwertende Fremdbezeichnung, das stimmt. Sie passt aber deshalb genau, um diesen Rassismus zu beschreiben. Denn es werden nicht „Roma“ abgelehnt, so wie sie tatsächlich sind, sondern „Zigeuner“, so wie sie sich die Gesellschaft vorstellt. Es geht um eine Projektion bestimmter Eigenschaften auf eine Gruppe. Der Begriff Antiziganismus versucht diese Ressentiments und ihre Auswirkungen zu beschreiben und als spezifischen Rassismus zu benennen. Klar ist auch, dass von dieser Form des Rassismus nie nur Roma oder Sinti betroffen waren oder sind, sondern alle, denen man unterstellt, „zigeunerisch“ zu sein, z.B. BettlerInnen oder die Jenischen, eine sozial marginalisierte Gruppe, die ebenfalls häufig in fahrenden Gewerben tätig war. Die Begriffe „Rassismus gegen Roma“, oder „Antiromaismus“ werden dafür kritisiert, dass sie nahe legen würden, die Vorurteile hätten etwas mit dem tatsächlichen Verhalten der betroffenen Personen zu tun.

Was ist so schlimm an „Zigeuner“?

Im deutschen Sprachraum war „Zigeuner“ lange Zeit ein Begriff, der nicht unbedingt eine Ethnie bezeichnete. Jahrhundertelang wurden damit Menschen bezeichnet, die nicht der Norm (v.a. Sesshaftigkeit) entsprachen, erst im 19. Jahrhundert bekam der Begriff eine zunehmend ethnische Komponente. Er wurde vor allem von der Polizei verwendet, um Menschen mit einem bestimmten Lebensstil zu bezeichnen, in Listen aufzuführen und zu schikanieren. Im Nationalsozialismus wurde „Zigeuner“ eine rassistische Kategorie, verfolgt wurden aber auch Personen, die nicht zu den Roma oder Sinti zählen, nach Ansicht der Verfolger aber „nach Zigeunerart“ lebten. Der Begriff „Zigeuner“ beinhaltet immer negative, rassistische Zuschreibungen, deshalb wird er als diskriminierend abgelehnt. Auch „Roma“ kann diese Zuschreibungen enthalten, ist aber eine Selbstbezeichnung mit einer anderen Bedeutung.

Wie sehen diese Zuschreibungen aus?

Es gibt eine Reihe historisch gewachsener Vorurteile. Der Kern des stereotypen Bildes ist, dass die „Zigeuner“ (noch) nicht so zivilisiert wären wie die Mehrheitsgesellschaft, dass sie eine archaische Parallelgesellschaft bilden und sich nicht integrieren können oder wollen. Sie sind das Gegenbild des braven Bürgers und des fleißigen Bauern. Dieses Gesamtbild besteht aus mindestens drei Vorurteilen:
1. Es wird eine fehlende Identität unterstellt: „Nomadentum“, „Religionslosigkeit“, „Heimatlosigkeit“.
2. Es gibt die Vorstellung, dass sie eine parasitäre Wirtschaftsweise pflegen, das heißt, sie produzieren nichts selbst, sie sind „arbeitsscheu“, leben von den anderen durch „Betteln“, „Trickbetrug“, „Diebstahl“ oder „Sozialmissbrauch“.
3. Dazu kommt noch die Vorstellung von fehlender Disziplin und Rationalität: Vorurteile wie „zügellose Leidenschaft“, „ständiger Tanz“, „In-den-Tag-hinein-Leben“, aber auch Bilder von „Schmutz“ und „Müll“ oder die Vorstellung, dass sie sich nicht an Regeln und Gesetze halten können.

Aber es weiß doch jeder, dass Roma das „fahrende Volk“ sind!

Antiziganistische Vorurteile werden häufig nicht reflektiert und als solche erkannt, deshalb kommen sie immer noch als „wahres Wissen“ daher. Diese Stereotypen werden vermittelt und erlernt, es gibt z.B. zahlreiche Beispiele aus der Literatur, die das stereotype „Zigeuner“-bild enthalten. Hinterfragt wird dieses Bild fast nie und es gibt leider sehr beschränkte Möglichkeiten, etwas über die Geschichte und aktuelle Situation der Roma zu lernen. Jede, die die Geschichte der Roma kennt, weiß, dass das fahrende Gewerbe eine der wenigen Einkommensmöglichkeiten war, die viele Familien hatten. Viele Roma in Europa sind jedoch seit Jahrhunderten sesshaft, sie haben sich niedergelassen, sobald es ihnen möglich war. Das antiziganistische „Wissen“ kann fatale Konsequenzen haben, das hat der „Fall Maria“ gezeigt: Nachdem 2013 bei einer griechischen Roma-Familie ein blondes Mädchen entdeckt wurde, war sich die Medienwelt sicher, dass es sich dabei um Kindesentführung handeln müsse. Das Stereotyp hat in diesem Fall jede Vernunft außer Kraft gesetzt und in der Folge wurden vermisste Kinder bei „den Roma“ gesucht. In Irland wurden Kinder ihren eigenen Eltern abgenommen, weil auch dort Entführung vermutet wurde. Letzten Endes hat sich herausgestellt, dass weder Maria noch die anderen Kinder „gestohlen“ wurden.

Musik oder Tanz sind doch aber keine negativen Zuschreibungen?

Dennoch sind es Zuschreibungen. Natürlich gibt es eine reiche musikalische Tradition. Die stereotype Vorstellung ist aber, dass sie die Musik „im Blut“ haben. Außerdem implizieren, dass „Zigeuner“ nichts anderes können außer Musizie­ren, was nicht als „richtige“ Arbeit anerkannt wird. Auch Zuschreibungen von fehlender Disziplin oder Herumfahren werden romantisch verklärt, sozusagen als Alternative zum Leben in der modernen Leistungsgesellschaft, frei von allen Zwängen. Letztlich ist das aber nichts anderes als eine andere Bewertung derselben rassistischen Zuschreibungen von „Heimatlosigkeit“ und „Arbeitsscheu“.

Dass viele Roma arbeitslos sind, in Ghettos wohnen und ihre Kinder nicht in die Schule schicken ist doch aber Realität?

Leider ja. Die Ursache liegt aber nicht in ihrer Kultur, sondern in der jahrhundertelangen Diskriminierung und Ausgrenzung, die in vielen Ländern zu einer sehr ernsten sozialen Situation geführt haben. Es ist wichtig, soziale Probleme nicht zu ethnisieren: die Menschen leben nicht so, weil sie „als Roma“ nicht anders können oder wollen, sondern weil die fehlende gesellschaftliche Teilhabe kein anderes Leben zulässt. Dort wo es weniger Diskriminierung und Ausgrenzung gibt, gibt es weniger Armut und weniger Probleme. Antiziganismus ist nicht nur eine Denkweise, sondern hat massive Auswirkungen auf die Lebensrealität der Betroffenen.

Wer ist in Österreich von Antiziganismus betroffen?

Antiziganismus wirkt auf alle, die potentiell davon betroffen sein könnten. Das äußert sich insbesondere in Angst und Scham: vor allem Roma/Romnja und Sinti/Sintize verstecken häufig ihre ethnische Zugehörigkeit bzw. haben Angst, dass „es“ jemand herausfindet. Junge Menschen aus diesen Volksgruppen sprechen häufig von einem „outing“, wenn sie ihren Freunden zum ersten Mal sagen, dass sie Roma sind. Betroffen sind außerdem Personen, die ins Klischee passen: BettlerInnen, StraßenmusikerInnen oder MigrantInnen aus Südosteuropa. Außerdem die Jenischen, die im Nationalsozialismus ebenfalls als „Zigeuner“ verfolgt wurden.

Wer denkt und handelt antiziganistisch?

Antiziganismus ist wohl eher die Norm als die Ausnahme, da es wenig Sensibilität und Reflexion bezüglich der Vorurteile gibt. Die meisten Menschen in Österreich haben antiziganistische Vorurteile. Das wirkt sich auch auf das Verhalten und Handeln aus, wie sich beispielsweise in Schulen zeigt: LehrerInnen behaupten oft, dass Roma-Kinder stinken würden oder verdächtigen sie immer zuerst  des Diebstahls, wenn in der Klasse etwas verloren geht. Oder Vermieter, die aufgrund ihrer Vorurteile glauben, dass Roma unzivilisiert wären und ihnen deshalb keine Wohnung geben möchten.

„Eher die Norm“ klingt sehr vage. Gibt es keine Zahlen?

Leider gibt es zu aktuellem Antiziganismus in Österreich keinerlei Forschung, der Bericht zu Antiziganismus 2013 war überhaupt die erste Publikation zu diesem Thema. Eine Studie zur Bildungssituation von Roma und Sinti  hat außerdem gezeigt, dass Antiziganismus auch in der Schule ein Problem darstellt. In Deutschland gibt es Untersuchungen zu antiziganistischen Einstellungen in der Bevölkerung, die zeigen, dass Vorurteile weit verbreitet sind und die Ablehnung sehr groß ist. Um dem Problem besser begegnen zu können und mehr Aufmerksamkeit dafür zu bekommen, wäre es sehr wichtig, mehr zu forschen.

aus: Antiziganismus in Österreich 2013 - 2015